Selbsterkenntnis, als Feind des Spottes

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Selbsterkenntnis, als Feind des Spottes

Die Selbsterkenntnis als Feind des Spottes (Kolumne)

Verfasser: André Stickel

Man sagt ja, Selbsterkenntnis sei der erste Schritt zur Besserung. Aber mal ehrlich, wer will sich schon ständig selbst verbessern?

Das klingt anstrengend.

Trotzdem hat dieser Satz etwas Wahres, denn: „Wer sich selbst kennt, der spottet nicht über andere.“ Klingt nach einer edlen Tugend, oder? Aber wenn wir das genauer betrachten, könnte es auch einfach nur Selbstschutz sein.

Stellen wir uns vor, wir nehmen uns wirklich mal die Zeit, uns selbst zu analysieren. Kein Scrollen auf Facebook, keine Ablenkung durch Netflix – nur wir, ein Spiegel und die nackte Wahrheit.

Was sehen wir da?

Die Haare, die sich schon wieder entschieden haben, eigenständig zu rebellieren? Die Jogginghose, die wir eigentlich nur “kurz anziehen” wollten, aber das ganze Wochenende nicht mehr ausgezogen haben? Das klingt jetzt nicht nach der besten Grundlage, um über die Frisur des Nachbarn oder die Kleidungswahl der Kollegin zu lachen.

Denn sobald man die eigenen Schwächen erkennt, fällt einem auf: „Ich bin ja selbst nicht besser!“

Und plötzlich wird Spotten zu einem riskanten Spiel. Wer andere auslacht, könnte jederzeit von einem Kommentar wie “Und du?” aus der Bahn geworfen werden.

Selbstkenntnis macht uns zu Bewohnern von Glashäusern und wir werfen da ab keine Steine mehr. Wir wissen, dass wir Chaos sind. Der Versuch, über jemand anderen zu spotten, wird damit zum Balanceakt, bei dem jede noch so kleine Spitze zum Bumerang werden kann.

Natürlich wäre die Lösung, einfach niemanden zu verspotten und ein besserer Mensch zu werden. Aber wo bliebe da der Spaß? Kleine Seitenhiebe und ironische Bemerkungen sind schließlich das Salz in der Suppe des sozialen Miteinanders.

Solange man damit nicht verletzt, versteht sich.

Vielleicht ist es der Trick, gar nicht über andere zu spotten, sondern sich selbst gleich mit ins Spiel zu bringen. Ein bisschen Selbstironie macht nicht nur sympathisch, sondern sorgt auch dafür, dass man die Angriffsfläche verringert. Statt zu sagen: “Hast du gesehen, wie schräg die aussieht?”, lieber mal: “Das erinnert mich daran, wie ich letzte Woche mit Senf auf der Hose bei der Dienstberatung ausgesehen habe.”

Am Ende ist Selbstkenntnis eigentlich etwas Fantastisches. Sie macht uns nicht nur menschlicher, sondern hilft uns, den Spott der anderen mit einem Lächeln zu ertragen.

Und wer weiß.

Vielleicht entdecken wir ja in der Erkenntnis, dass wir alle ein bisschen peinlich, chaotisch und seltsam sind, auch einen Grund zum Lachen.

Und zwar miteinander und nicht übereinander.