Hab keine Angst (Mein Jakobsweg)

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Hab keine Angst (Mein Jakobsweg)

Hab keine Angst vor dem Tod

Verfasser: André Stickel

Es war vor drei Jahren, in einer kühlen Nacht auf dem Jakobsweg in Spanien. Als ein schon etwas in die Tage gekommener Geschichtenerzähler, vernahm ich die Worte eines alten Mannes an einem Lagerfeuer: „Lass Dir die Angst vor dem Tod nicht über den Kopf wachsen.“
Ich hatte ihn auf einer kleinen, von Wäldern umgebenen Lichtung entdeckt, wo er am Rand eines kleinen Feuers saß. Seine Augen waren tief und dunkel, erfüllt von Erinnerungen an eine lange Vergangenheit. Die Welt hatte ihn scheinbar schon oft an die Grenzen der Verzweiflung gebracht, und doch wirkte er ruhig – fast heiter. So saß er da und sprach mit einer Stimme, die sanft, aber bestimmt war.
„Was meinst Du damit?“ fragte ich vorsichtig, da es ein heikles Thema war und ich spürte, dass er bereits viel darüber nachgedacht hatte.
Der alte Mann lächelte. „Wenn die Angst vor dem Tod über den Kopf wächst, dann verliert man die Freude am Leben. Ich habe viele meiner Freunde, meine Familie, und viele Kameraden verloren. Und es ist mir klar geworden, dass der Tod immer da ist – wie ein Schatten, den du nicht abschütteln kannst.“
Ich nickte langsam. Viele Menschen, die ich bereits getroffen hatte, waren von dieser Angst zerfressen – ihre Tage schienen erfüllt von Furcht und Vorsicht, als wäre jeder Schritt ein Spiel gegen das Schicksal. Doch dieser Mann sprach von einer anderen Art des Umgangs.
„Also fürchtest du dich nicht?“ fragte ich, fast ungläubig.
Er schüttelte den Kopf. „Nein, ich sehe ihn wie einen alten Bekannten. Wir werden uns irgendwann begegnen. Der Tod und ich, und wir werden dann die Hände schütteln. Aber bis dahin hat er nichts in meinem Kopf zu suchen. Er soll mich in Frieden leben lassen.“
Er machte eine lange Pause, sein Blick verschwand im Schein des Feuers, und ich konnte förmlich spüren, wie die Flammen seine alten Geschichten zum Leben erweckten.
„Leben, mein Freund,“ sagte er schließlich, „ist ein Tanz. Und wie bei jedem Tanz, muss man den Takt halten und die Angst vergessen, ob man einen Fehltritt macht oder nicht.“
Ich dachte über seine Worte nach, während die Stille der Nacht wie ein sanfter Schleier über uns fiel. Der Tod, so kam mir in den Sinn, ist wie der letzte Akt eines Theaterspiels. Er gehört dazu, aber er sollte nicht die Handlung bestimmen.
Und so ließ ich den alten Mann dort sitzen, neben seinem Feuer, in Frieden mit seinem Leben und allem, was noch kommen mochte. Während ich ging, klangen seine Worte in meinem Kopf nach, und ich wusste, dass ich nun eine Geschichte mehr hatte.
Eine Geschichte, die anderen vielleicht die Angst nehmen könnte.