Die wütenden Hunde (Mein Jakobsweg)

Geschichten-Mein Jakobsweg

Die wütenden Hunde (Mein Jakobsweg)

Die wütenden Hunde (Mein Jakobsweg)

Verfasser: André Stickel

Der Camino del Norte führte mich an jenem Tag entlang eines atemberaubenden Küstenabschnitts. Die Sonne glitzerte auf den Wellen, die salzige Brise wehte mir entgegen, und ich genoss die Aussicht, während der Pfad sich durch ein kleines Wäldchen schlängelte.

Bald bemerkte ich eine Herde Schafe, die friedlich auf einer eingezäunten Wiese weideten. Zwei große, schwarze Hütehunde bewachten die Tiere, und schon aus der Entfernung konnte ich ihre gespannte Wachsamkeit spüren. Ihre Ohren standen aufrecht, ihre Augen fixierten mich, und als ich näherkam, begannen sie zu bellen – tief und durchdringend.

Ich blieb ruhig, hielt Abstand zum Zaun und setzte meinen Weg fort. Die Hunde stürmten dennoch wütend auf mich zu, ihre Zähne blitzten durch die Maschen des Zauns, und ihr Bellen ließ keinen Zweifel daran, dass sie bereit waren, ihre Herde um jeden Preis zu verteidigen.

Doch dann sah ich es: ein Loch im Zaun, nur wenige Meter weiter. Es war groß genug, dass die Hunde hindurchpassen konnten – und genau das taten sie. Blitzschnell schlüpften sie hindurch, und plötzlich waren sie nicht mehr von einem Zaun getrennt, sondern liefen frei auf mich zu.

Mein Herz raste, und ich wusste, dass ich jetzt keine Zeit für Panik hatte. Die Hunde waren groß und kräftig, ihre schwarzen Fellmassen wirkten wie Schatten, die mich umzingelten. Sie bellten, knurrten und sprangen an mir hoch, ihre Zähne schnappend nah an meinen Händen.

Dann rochen sie es. In meinem Rucksack.

In einem Moment des klaren Denkens erinnerte ich mich an den Proviant, den ich mit mir trug: ein paar Dauerwürste, die ich für den Tag eingepackt hatte. Zitternd öffnete ich den Rucksack, holte die Würste heraus und hielt sie den Hunden hin. Ihre Augen fixierten das Futter, und für einen Augenblick schien die Welt stillzustehen.

Einer der Hunde schnappte sich die erste Wurst aus meiner Hand, der andere folgte sofort. Sie zerrten und kauten, ihr wütendes Bellen wich einem tiefen, zufriedenen Knurren. Ich nutzte die Gelegenheit, mich langsam rückwärts zurückzuziehen. Schritt für Schritt entfernte ich mich, ohne den Blick von ihnen abzuwenden.

Die Hunde ließen mich ziehen, ihre Aufmerksamkeit galt nun vollständig ihrem unerwarteten Festmahl. Als ich außer Reichweite war, setzte ich meinen Weg schneller fort, das Adrenalin pumpte noch immer durch meine Adern.

Später, als ich zurückblickte, wurde mir bewusst, wie knapp diese Situation gewesen war. Die Hunde hatten nur ihren Job gemacht, ihre Herde zu schützen. Und ich hatte gelernt, dass selbst auf einem spirituellen Pilgerweg wie dem Camino del Norte die Natur ihre eigenen Regeln hat – Regeln, die Respekt, Vorsicht und manchmal ein paar Dauerwürste erfordern.

Dieser Moment blieb mir im Gedächtnis, nicht nur wegen der Angst, sondern auch wegen der bizarren Komik, die inmitten der Gefahr lag. Der Camino war voller Herausforderungen, aber auch voller unerwarteter Lösungen – manchmal ganz einfacher, wie einer Wurst in der richtigen Sekunde.