Es gab Orte, die waren zu DDR-Zeiten mehr als nur Kneipen. Sie waren einfach Legenden. Und der Bierhof in Bautzen, welcher hinter vorgehaltenen Händen auch „Schlüpperdiele“ genannt wurde, war genau so ein Etablissement.
Eine Institution des ewig andauernden proletarischen Feierabends und ein täglicher Schutzwall gegen die Härten des sozialistischen Alltags. Eine Heimat für jene, die wussten, dass die Zukunft zwar dem Sozialismus gehörte, das Hier und Jetzt aber nur dem Bier.
Auf dem Stück Theatergasse zwischen Schulstraße und der Kesselstraße gelegen, wo die Luft immer nach Bockwurst und auch stark nach ungefilterten „KARO“-Zigaretten roch, gab es diese kleine, unscheinbare Kneipe, die mehr Herzblut in sich trug als so manches Politbüro.
Hier traf sich ein kleiner Teil der Bevölkerung des Arbeiter- und Bauernstaates, um sich seine Lötstellen so fachgerecht abzuklemmen, dass selbst der beste Schweißer im Waggonbau noch neidisch geworden wäre.
Das Getränkesortiment war zwar nicht so breit wie die damalige Parteiideologie, aber dennoch ausreichend.
Es gab Bier. Punkt.
Manchmal auch ein paar Gläschen Goldbrand. Ein für damalige Verhältnisse edler Weinbrandverschnitt der DDR, welcher den Vorteil hatte, dass er am nächsten Morgen jede Erinnerung an den Vorabend ausradierte.
Kulinarisch wurde dort nicht wirklich viel geboten. Die Standardauswahl bestand aus Bockwurst und Brot. Dazu den beliebten Bautzener Senf.
Egal zu welcher Tageszeit man die „Schlüpperdiele“ betrat, man war sofort Teil eines größeren Ganzen. Der Raum war stets erfüllt von einer Mischung aus Bierdunst, Schnapsatem und dichtem Zigaretten-Qualm.
Ihr wahrer Höhepunkt kam aber immer dann, wenn die polizeiliche Sperrstunde langsam nahte.
Im Bierhof wurde nie einfach so Schluss gemacht. Hier wurde der letzte Schluck zum Zapfenstreich immer mit Anstand ausgetrunken. Manch einer behauptet noch heute, die DDR hätte wirtschaftlich besser dagestanden, wenn der Einsatz seiner Werktätigen so konsequent gewesen wäre, wie die Weigerung in dieser Diele, das letzte Bier einfach stehen zu lassen.
Irgendwann wurde diese „Schlüpperdiele“ dann für immer geschlossen, doch in den Erinnerungen einiger Bautzener bleibt sie unvergessen.
Als Ort des Tischtanzes, des täglichen Heimschwankens und der unvergleichlichen Fähigkeit, den real existierenden Sozialismus mit kräftigen Schlucken aus dem Bierglas erträglicher zu machen.