Die Schlange im Graben (Mein Jakobsweg)

Geschichten-Mein Jakobsweg

Die Schlange im Graben (Mein Jakobsweg)

Die Schlange im Graben (Mein Jakobsweg)

Verfasser: André Stickel

Der Camino del Norte, so schön und inspirierend er war, forderte auch seinen Tribut. Die Etappen waren lang, die Pfade oft steil und steinig. Es war Mitte Oktober, und die Mittagssonne brannte heißer, als ich es erwartet hatte. Mein Körper war erschöpft, und als ich eine grasbewachsene Stelle am Straßenrand entdeckte, konnte ich nicht widerstehen.

Der Straßengraben wirkte einladend, geschützt vor den Blicken anderer Pilger und mit ausreichend Schatten, um kurz zu rasten. Ich legte meinen Rucksack ab, setzte mich ins Gras und ließ mich langsam zurücksinken. Die warme Erde schien mich zu umarmen, und kaum hatte ich die Augen geschlossen, zog mich die Müdigkeit in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

Als ich erwachte, fühlte ich zunächst nur die angenehme Wärme der Sonne auf meiner Haut. Doch dann nahm ich aus dem Augenwinkel eine Bewegung wahr. Direkt neben meinem Kopf, nicht mehr als eine Armlänge entfernt, erhob sich eine Schlange aus dem Gras.

Sie war schlank, ihr Schuppenkleid schimmerte in grünlichen und goldenen Tönen, und sie hielt ihren Kopf erhoben, ihre Augen direkt auf mich gerichtet. Für einen Moment war ich wie gelähmt. Mein Herz begann zu rasen, und mein Atem stockte.

In diesem Augenblick schien die Welt stillzustehen. Die Geräusche des Waldes und der Straße verschwanden, und alles, was existierte, war diese Schlange und ich. Ihre Augen schimmerten, als könnten sie tief in mich hineinsehen, und ich spürte, dass sie jede meiner Bewegungen registrierte.

Mein erster Instinkt war, mich zu bewegen, wegzulaufen, irgendetwas zu tun, um dieser Situation zu entkommen. Doch irgendetwas hielt mich zurück. Vielleicht war es die Ruhe der Schlange, ihre unaufgeregte Präsenz, die mich daran hinderte, in Panik auszubrechen.

Stattdessen starrte ich sie an, und sie starrte zurück. Es war, als hätten wir eine unausgesprochene Verständigung: Ich war kein Feind, und sie war keine Bedrohung. Nach einigen endlosen Sekunden – oder waren es Minuten? – senkte sie langsam ihren Kopf, glitt geschmeidig ins Gras zurück und verschwand, als sei sie nie da gewesen.

Ich blieb noch lange regungslos liegen, unfähig, das Erlebte zu begreifen. Die Angst, die mich zunächst erfasst hatte, wich allmählich einer tiefen Faszination. Die Begegnung war so flüchtig gewesen, doch sie hatte etwas in mir ausgelöst, dass ich nicht in Worte fassen konnte.

Als ich schließlich aufstand und meinen Rucksack wieder aufsetzte, war ich ruhiger, nachdenklicher. Die Schlange war für mich zu einem Symbol geworden, ein stummer Begleiter auf meinem Weg. Vielleicht wollte sie mir etwas zeigen: die Kraft, die in der Stille liegt, oder die Wichtigkeit, in Momenten der Angst innezuhalten und einfach zu sein.

Noch heute denke ich an jene Begegnung zurück, an die glühenden Augen der Schlange, die mich durchdrangen, und an die unerwartete Lektion, die sie mir mit auf den Weg gegeben hat. Der Camino war nicht nur ein Pfad durch Spanien, sondern ein Pfad zu mir selbst – und manchmal lehrte mich die Natur mehr, als es Worte je könnten.