Es gibt Dinge, die schmecken nicht nur gut, sondern sie schmecken nach etwas ganz Besonderem. Nach Kindheit, nach Heimat oder nach einem Stück Vergangenheit, das sich tief ins Gedächtnis eingebrannt hat, wie der Duft von frisch gemahlenem Kaffee oder das Geräusch eines alten Radios, das in der Küche dudelt.
In Bautzen ist das für viele ehemalige DDR Bürger die Bockwurst aus einem Verkaufsstand unterhalb vom HO Café Lubin, des früheren Hotel „Stadt Bautzen“. Eine Wurst, die mehr war als nur ein schneller Imbiss, einen Steinwurf entfernt vom Reichenturm.
85 Pfennige für eine Bockwurst und 95 für die Bratwurst. Heute erscheinen diese Preise fast märchenhaft. Doch wer damals in der Schlange stand, der wusste: Hier gab es nicht nur eine einfache Wurst, sondern auch ein Ritual. Die weiße Pappe, auf der sie kredenzt wurde, lag gut in der Hand, der Bautzener Senf wurde sparsam aber gekonnt darauf gelöffelt, und dann dieses erste Hineinbeißen: knackig, würzig, perfekt.
Es war ein Geschmack, der so gut war, dass er täglich bis zu 800 Mal über die Theke in der geheimnisvollen Ecke am Hotel Stadt Bautzen ging.
Vielleicht lag es an der Rezeptur der Würste, vielleicht an der Art, wie sie serviert wurden. Vielleicht war es aber auch einfach die damalige Zeit, die den Geschmack veredelt hatte. Denn der real existierende Sozialismus war in vielerlei Hinsicht entbehrungsreich. Doch an Erinnerungen die bleiben, mangelte es ihm bestimmt nicht.
Es war eine Zeit, in der man wusste, wo man eine anständige Bockwurst bekam und in der ein so einfaches Essen nicht nur den Magen, sondern auch gleich das Herz füllte.
Das Hotel Stadt Bautzen ist bereits Geschichte und das Best Western hat das Gebäude übernommen. Der legendäre Bockwurststand ist längst einer Bäckerei und noch vielen anderen Geschäften gewichen. Doch wer damals dort gegessen hat, wird den Geschmack für immer in sich tragen.
Und vielleicht, wenn wir heute durch das Zentrum von Bautzen schlendern, können ihn die Älteren von uns für einen Moment wieder schmecken.
Diesen Hauch von Bockwurst, Senf und etwas Nostalgie.