Es war ein sonniger Ostersonntag, und die ganze Familie hatte sich bei Oma versammelt. Nach einer gemütlichen Vesper und einer erfolgreichen Ostereiersuche für uns Kleinen beschlossen wir, das Wohnzimmer aufzuräumen. Oma, immer mit einem wachsamen Blick für Ordnung, schlug vor, dass wir den alten Kleiderschrank in ihrem Schlafzimmer gleich mit ausmisten könnten.
“Da oben steht doch sowieso nur Zeug, das ich nie brauche,” sagte sie und deutete auf die oberste Ablage des Schrankes.
Mit einer Leiter bewaffnet kletterte Mama hinauf. Neben ein paar verstaubten Schachteln und einem vergessenen Wollknäuel entdeckte sie etwas Unerwartetes. Eine sorgsam in Folie gewickelte Form, deren vertrauter Geruch unsere Nase kitzelte.
“Das ist… ein Stollen!” rief sie verblüfft und hielt das Fundstück hoch.
Omas Gesicht erhellte sich plötzlich. “Ach du meine Güte, das ist ja der Weihnachtsstollen vom letzten Jahr! Den habe ich extra versteckt, damit er nicht vor den Feiertagen gegessen wird – und dann habe ich ihn völlig vergessen!”
Die ganze Familie brach in Gelächter aus. Aber neugierig, wie wir waren, wollten wir wissen, ob der Stollen noch genießbar war. Oma hatte ihn offenbar so gut eingepackt, dass keine Luft oder Feuchtigkeit eindringen konnte. Also beschlossen wir, das kulinarische Abenteuer zu wagen.
Mit einem scharfen Messer schnitt Oma die erste Scheibe ab, und ein verführerischer Duft von Mandeln, Rosinen und Zitronat erfüllte die Küche. Alle nahmen eine Kostprobe, und zu unserer Überraschung war der Stollen nicht nur essbar, sondern noch genauso köstlich wie am ersten Tag.
“Das ist der beste Stollen, den ich je verzehrt habe,” sagte Oma. Und: “Vielleicht lag es ja an der langen Reifezeit!”
Von da an wurde der “Osterstollen” zur Legende in unserer Familie und seither versteckt Oma zu Weihnachten immer einen Stollen in ihrem Schlafzimmer.