Die vergessene Halfpipe ist eine Geschichte über ESP, PA und BMX.
Jeder, der Bautzen zu DDR-Zeiten erlebt hat, erinnert sich an Dinge wie den Intershop, an Broiler und die legendäre „Einführung in die sozialistische Produktion“ (ESP). Doch kaum jemand weiß noch, dass es damals auch einen natürlichen BMX-Parcours in einem bewaldeten Naherholungsgebiet gab, und das ganz ohne Sponsoren oder MTV-Ästhetik.
Im Schatten des Bautzener Waggonbaus, wo tagsüber die sozialistische Jugend mit schlaftrunkenen Blicken an produktionsnahen Arbeitsplätzen schrauben, feilen und fegen durfte, spielte sich nach Feierabend ein Spektakel der besonderen Art ab.
Denn im angrenzenden Waldstück des Humboldthains wartete ein naturbelassenes kleines Tal auf mutige Jugendliche mit BMX-Rädern, Klapprädern oder allem, was zumindest ansatzweise rollen konnte.
Hier vollführten die wagemutigsten POS-Schüler halsbrecherische Stunts über Baumwurzeln, Erdkuhlen und die Schlaglöcher der Geschichte. Die Schutzkleidung bestand aus einer guten Portion Mut und, wenn vorhanden, einer Jeansjacke vom Vietnamesen.
Ein Sturz war also nicht nur eine sportliche, sondern auch eine textiltechnische Herausforderung.
Lehrer und Betriebe mochten es offiziell nicht sehen, wenn sich ihre zukünftigen Facharbeiter in Lebensgefahr begaben. Schließlich hatte man mit ESP und Produktiver Arbeit (PA) große Pläne. Doch eine heimliche Faszination konnte auch der strengste Meister nicht leugnen, wenn wieder jemand mit einem eleganten Sprung über den Rand des Talkessels hinaus den sozialistischen Luftraum eroberte.
Heute gibt es PA und den ESP-Unterricht nicht mehr, und auch das legendäre Tal des Todes ist längst von der Natur zurückerobert worden.
Doch wer genau hinhört, kann vielleicht noch das leise Knacken eines rostigen Fahrradgestells im Wind vernehmen und sich vorstellen, wie es damals gewesen sein muss, mit einem selbstgeschweißten BMX-Rad durch den Humboldthain zu fliegen.
Ganz ohne Sponsoren, aber mit verdammt viel Mut.