Es war schon spät am Abend, und das Lagerfeuer einer der Herbergen auf dem Jacobsweg knisterte leise, als eine junge Pilgerin mich fragte: „Was glaubst du – was passiert mit uns, wenn wir sterben?“
Ich sah sie lange an, und sie hielt meinem Blick stand, fast trotzig, als wollte sie mir beweisen, dass sie bereit war für jede Antwort, die ich geben könnte. Und so begann ich zu sprechen.
„Der Tod“, sagte ich, „ist nicht das Ende. Denn Energie, so auch die Lebensenergie, geht nicht verloren. Weißt du, in den Bergen des fernen Ostens erzählte man sich von einer alten, weisen Frau, die behauptete, dass die Lebenskraft eines Menschen ewig durch die Welt wandert. Sie erzählte, solange sie lebte, die Energie, die in uns allen pulsiert, kann niemals verschwinden. Sie verändert nur ihre Form.“
Die Pilgerin neben mir lauschte aufmerksam, und ich fuhr fort: „Die alte Frau – nennen wir sie Akira – lebte allein auf einem kleinen Stück Land, das sie selbst bestellte. Die Nachbarn sagten, sie spreche oft mit den Bäumen und den Tieren, als wären sie alte Freunde. Als Akira eines Tages schwer erkrankte und wusste, dass ihre Zeit bald kommen würde, versammelte sie ihre Liebsten und sagte zu ihnen: ‚Ich gehe nicht weg. Wenn ich gehe, wird die Erde mich aufnehmen, und alles, was ich bin, wird weiterleben in den Blättern, im Wind und in jedem Tropfen Regen, der die Felder nährt.‘
Ihre Liebsten dachten damals, sie sei seltsam. Aber als sie eines Morgens schließlich nicht mehr atmete, blieb ihr Haus und das Land, das sie gepflegt hatte, wie von einem Hauch Magie erfüllt. Blumen sprossen in jenen Farben, die sie liebte, und im Frühling sagte man, man höre Akiras Lachen im leichten Rascheln der Blätter.“
Die junge Pilgerin runzelte die Stirn. „Also glaubst du, wir werden… Natur?“
Ich lächelte und nickte. „In gewisser Weise, ja. Es gibt ein altes Sprichwort: ‚Nichts stirbt, denn alles verwandelt sich.‘ Wir tragen unsere Wärme, unsere Liebe, selbst unsere Trauer wie einen Schatz in uns. Wenn unser Körper vergeht, verteilt sich dieser Schatz in die Welt um uns – ein Hauch davon in die Blumen, ein Teil in das Flüstern des Windes und der Rest in die Herzen derer, die uns liebten.“
Für einen Moment schwiegen wir beide, nur das Feuer sprach noch, funkelnd und lebendig.
„So ist der Tod kein Abschied, sondern eine Verwandlung. Er lässt uns zu einem Teil des Ganzen werden, aus dem wir einst gekommen sind.“
Als ich zu ihr sah, bemerkte ich, dass ein sanftes Lächeln ihr Gesicht erhellte. Sie schien erleichtert. Und so wusste ich, dass ich wieder eine meiner Geschichten weitergeben konnte.
Eine Geschichte, die Hoffnung säen würde, wo zuvor nur Angst geherrscht hatte.