Es gab einmal einen Ort in Bautzen, der war wie eine Flüsterei über eine Welt, die man nur aus dem Westfernsehen kannte. Ein Ort, an dem viele von uns nichts kaufen konnten und trotzdem alle hineingingen. Ein Ort, an welchem die Freiheit nicht sichtbar, dafür aber riechbar gewesen ist.
Der Intershop.
Ein unscheinbares kleines Geschäft, versteckt hinter einer Durchfahrt des ehemaligen Hotels „Stadt Bautzen“. Ein Schaufenster in eine ganz andere Welt. Hier stapelten sich internationale Zigaretten-Schachteln, Schokolade in allen Varianten und Flaschen mit dem heiß begehrten Cola-Logo. Wer die nötigen Devisen besaß, wie Westmark oder die sagenumwobenen Forumschecks, konnte dort zugreifen.
Und der Rest von uns? Wir schnupperten.
Der Geruch im Intershop war eine Mischung aus allem, was unerreichbar schien. Teure Parfums, Kaffee aus Übersee, zahlreiche westdeutsche Waschmittel und vor allem wunderbar duftende Seifen.
Eine wahre olfaktorische Grenzerfahrung.
Wer einmal an einer Tüte Goldbären gerochen hatte, der wusste, dass es noch eine andere Welt geben musste und dass sie köstliche Aromen spendete.
Wir standen dort, atmeten tief ein und stellten uns vor, wie es wäre, diese Freiheit nicht nur zu riechen, sondern auch zu leben. Manche von uns haben es nie erfahren. Andere haben später festgestellt, dass die Zigaretten nicht wirklich nach Revolution schmeckten und dass die Cola im Westen genauso süß ist wie die im Osten.
Aber damals, in jenen Minuten im Intershop, reichte ein Atemzug, um für einen Moment den grauen Beton der Mangelwirtschaft zu vergessen.
Und vielleicht ist genau das der Grund, warum dieser Duft uns bis heute in der Nase hängt.