Es gibt zwei Sorten von Menschen. Solche, die für ein gutes Essen gerne Schlange stehen, und solche, die lieber hungrig sterben würden, bevor sie sich in eine Warteschlange einreihen.
In Bautzen hatte man zu DDR-Zeiten oft keine andere Wahl als zu warten, wenn es um kulinarische Höhepunkte ging.
Wer keine Lust hatte, einen der zahlreichen Imbisse der Stadt zu besuchen, versuchte sein Glück im sagenumwobenen „Gastmahl des Meeres“ auf der Steinstraße. Einer für die Bautzener Umgebung einzigartigen gastronomischen Institution.
Der Besuch dieses Fischtempels begann mit einer epischen Wartezeit. Denn das tapfere Volk des Schlangestehens musste sich vor dem Eintritt erst einmal mental auf die Etappen einer hartnäckigen Geduldsprobe vorbereiten.
Gerüchten zufolge begannen manche Gäste bereits morgens mit dem Anstehen, um pünktlich zur Mittagszeit einen Platz zu ergattern. Andere wiederum machten sich einfach einen Sport daraus, nach drei Stunden Wartezeit die Bekanntschaften fürs Leben zu schließen. Manche sollen sich sogar verlobt haben, bevor sie überhaupt die Speisekarte in den Händen hielten.
Wer klug war, brachte sich für die Wartezeit Thermoskannen mit starkem Kaffee, belegte Brote oder auch gleich eine komplette Strickausrüstung mit. Die Kinder, die ihre frühkindliche Prägung bei diesem Wartemarathon erfuhren, entwickelten später wahlweise eine Engelsgeduld oder ein tiefsitzendes Trauma.
Hatte man es nach Stunden des Ausharrens endlich bis zur Rezeption geschafft, musste man erneut Geduld beweisen.
Denn die Platzierung erfolgte mit chirurgischer Präzision, was bedeutete, dass auch hier das Warten zum Konzept gehörte. Kinder wurden in dieser Phase mit dem Serviettenfalten beschäftigt, eine Art frühsozialistische Ausbildung in Haushaltsführung, die sich bis heute bei ostdeutschen Familienfesten bemerkbar macht.
Dann, irgendwann, kam der Moment des Triumphs. Das Essen konnte bestellt werden und es wurde serviert!
Und, oh Wunder, es war tatsächlich sehr gut!
Knusprige Backfische und edle Fischfilets, die wahren Schätze des Meeres. Für einen kurzen Moment war jede Qual der letzten Stunden vergessen, bis nach dem Essen die Realität wieder einsetzte. Dann wurde man mit strengem Blick zügig von den Tischen entfernt!
Heute gibt es das „Gastmahl des Meeres“ nicht mehr, aber die Geschichten davon werden immer noch weitergetragen.
Wer dabei war, weiß. Die DDR lehrte uns vieles, vor allem aber Geduld, Hingabe und den wahren Wert eines knusprigen Fisches.