Brief an den Erfinder des Kaffees

Geschichten-Kolumnen

Brief an den Erfinder des Kaffees

Brief an den Erfinder des Kaffee (Kolumne)

Verfasser: André Stickel

Lieber Unbekannter,

ich weiß nicht, wer Du bist, wo Du warst oder was genau Dich geritten hat – aber eines ist sicher: Du bist mein Held.

In meiner persönlichen Ruhmeshalle der Menschheit, irgendwo zwischen Erfinder des Rades und des Buchdruckes, hast Du Deinen Platz sicher.

Denn mal ehrlich: Was hat Dich dazu gebracht, eine ominöse rote Kaffeekirsche zu betrachten und zu denken: „Lass uns das mal rösten, zermahlen und in heißes Wasser werfen. Und dann trinken wir das Ergebnis.“?

Warst du einfach nur gelangweilt? Oder hast Du einer Herde schicksalhafter Ziegen dabei zugeschaut, wie sie die Bohnen gefressen haben und dann total aufgedreht erst nach Mitternacht müde wurden?

Vielleicht warst du aber auch ein Genie, Deiner Zeit Lichtjahre voraus. Ein Alchemist des Alltags, der das Potenzial dieser unscheinbaren Frucht erkannte. Hast Du in der Kaffeepflanze etwas gesehen, was niemand anderes sah? Das schwarze Gold, den Treibstoff der Menschheit, den Grund, warum wir montags nicht alle den Weltuntergang herbeisehnen.

Ich liebe Dich dafür. Ohne Dich wären wir eine Gesellschaft, die um 7 Uhr morgens noch immer wie Zombies durch die Straßen schlurft, unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen. Meetings würden noch schlechter laufen, und die berühmte „Kaffee-und-Kuchen-Kultur“ wäre schlicht nur Kuchen.

Aber ich frage mich auch: Hattest Du die geringste Ahnung, was Du da ins Rollen bringst? Hättest Du gedacht, dass Dein Experiment eines Tages Menschen dazu bringen würde, sich stundenlang in Cafés zu drängen, nur um Worte wie „Flat White“ oder „Cold Brew“ zu murmeln? Dass wir kleine Kunstwerke in den Schaum gießen würden und dafür bereit wären, den Gegenwert eines Mittagessens zu zahlen?

Wie auch immer: Danke. Für wachgebliebene Nächte, für produktive Morgenstunden und für die unzähligen Momente, in denen der erste Schluck Kaffee alles wieder gut gemacht hat.

Falls es jemals eine Statue von Dir geben sollte, wäre es nur angemessen, wenn sie aus Kaffeesatz geformt wird. Und an ihrer Basis müsste stehen: „Er sah eine Bohne und schuf daraus ein Wunder.“

Mit tiefster Hochachtung mit einem Cappuccino in der Hand,
Dein größter Fan